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свой человек
widd-d-ddiw
Вчера, 23:35  Archiv. 2010. Die Wanjatka-Novellen

— Wanja, hey, Wanja!
— Mich rufjen Jochan! Verstehn du, Kollege?!
(c) K.


1.

Wanjatka, ein schmächtiger Junge unbestimmbaren Alters, ging in der Nacht zum 20. April nicht schlafen.

Nachdem er im Forum "germany.ru" dem größten russischsprachigen Forum Deutschlands zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch ein wenig herumgetrollt hatte, startete er seinen Computer neu. Dann verband er sich vorsichtshalber über einen Proxy mit dem Internet (damit niemand seine IP-Adresse herausfinden konnte), blickte mehrmals ängstlich zu Tür und Fenster und öffnete schließlich Outlook Express.

Der quadratische TFT-Monitor sollte sich nun mit streng geheimem Inhalt füllen.


"Lieber Opa Adi!", tippte er auf die Tastatur. "Zum Geburtstag gratuliere ich dir von ganzem Herzen und wünsche dir alles Gute von Odin, unserem urdeutschen Gott!

Jetzt habe ich außer dir überhaupt niemanden mehr.

Meine Tiotka arische Walküre ist zusammen mit einem kosovarischen Blogger weggeflogen. Ich habe ihr doch jede Nacht ins Ohr geflüstert, wie gefährlich die Massenmedien und ihre Indoktrination sind. Was hat ihr denn noch gefehlt? Diese Blogger würde ich mit bloßen Händen erwürgen, aber nur dann. lieber Opa, wenn meine Arme nur etwas länger wären. Aber eines ist gut: Zeit habe ich jetzt jede Menge. Tag und Nacht. Doch das ist nicht einmal das Schlimmste. Ganz Deutschland schwebt in großer Gefahr.

Der Staat, den du einst regiert hast, wurde ausgeraubt. Wohin man auch blickt: amerikanische Umerziehen gekaufte Medien, verräterische Fernsehsender, luziferische Freimaurer, albanische Hochzeiten und mazedonische Familienfeste.Überall diese Dönerverkäufer und Kebab-Barbaren. Deine ideologischen Enkel, mein lieber Opa sitzen nur noch in Internetforen herum und trauen sich kaum noch auf die Straße.


Wanjatka ließ den Blick vorsichtig vom Monitor zum dunklen Fenster wandern.


Für einen Augenblick glaubte er, im Inneren der Mondsichel einen Stern zu erkennen, und ihm wurde vor Schreck eiskalt.

Nach den geheimen Lehren, die ihm einst seine selige Urgroßmutter Frau Onanje-Erbe, Kennerin okkulter Praktiken und der Astrologie hinterlassen hatte, verhieß eine solche Konstellation von Stern und Halbmond nichts Gutes.

Dann stellte er sich Großväterchen vor: flink, unaufhörlich gestikulierend, mit kleinen Hühneraugen und gewaltigem Charisma, wie er auf einer Tribüne stand und zur Menge sprach. Noch gestern hatte Wanjatka der Versuchung nicht widerstehen können, Opa in seinen Beiträgen zu verherrlichen, freilich nur durch allerlei Andeutungen und Euphemismen.


"Und gestern erst hab ich eine ordentliche Standpauke kassiert. Ein Mörderator - Erzfeind aus der Stadt London, mit einem Churchill-Bildchen als Avatar, zwang mich, meine Euphemismen am Ende des Forumsfadens wegzuputzen. Ich fing ja an zu putzen, hab aber etwas übersehen, alldieweil ich aus Versehen eingeschlafen bin.

Da fing er an, mich mit der Nase in meine eigenen Euphemismen zu stoßen.

Die wurzellosen Mankurten machen sich über mich lustig, schicken mich Pizza und Döner zu holen, und was anderes gibt's hier bald gar nicht mehr zu essen.Und Schweinefleisch wird wohl demnächst aus den Kindergärten verbannt, und die kurpfälzische Stadt Ladenburg wird bestimmt noch in Ben-Ladenburg umbenannt."Liebes Großväterchen, hol mich hier weg, um Walhallas willen!

Ich werde dir die Fersen massieren und an deiner Stelle mit meinem nackten Hintern den Teerkessel kühlen. Und wenn ich etwas falsch gemacht habe, dann züchtige mich wie einen Schakalwelpen."


Nachdem er die Tastatur großzügig eingespeichelt hatte, schrieb Wanjatka weiter:


"Katzenhausen, Provinz in Bayern. Die Schafe und Ziegen dort sind von erschreckender Bosheit, dafür sind die Katzen ausnahmslos gutmütig.

Neulich war der Gasslspieler Frank Oligophrenieke bei mir zu Besuch. Wir haben gemeinsam Katzenhausener Helles vernichtet und die ganze Nacht Lieder vom "Ich will mein Land zurück" gegrölt, bis die verfluchten Mossad-Leute den Dorfgendarmen und den Hausverwalter gerufen haben.


Wanjatka seufzte erneut krampfhaft auf und blickte wieder zum Fenster.

Der Stern in der Mondsichel schien vor dem gewaltigen Sternenhimmel inzwischen unerträglich hell geworden zu sein. Erschrocken zog Vanja die Jalousien herunter und sprang einen Schritt vom Fenster zurück.

"Hol mich fort von hier, Großväterchen! Hier wird man von allen getreten und auf kreative Weise verprügelt. Mein Leben ist hier verloren und verdorben. Grüße unsere alten Mitstreiter von mir!"

In die Adresszeile von Outlook Express schrieb Wanjatka in kyrillischen Buchstaben:


Для дедушкки Ади шеферхундик Вальгала. КомЪ (für Opa Adi @Walhalla.com).


Von süßen Hoffnungen eingelullt schlief er eine Stunde später tief und fest ein.


Er träumte von einem Ofen.


2.


— Euch über den Fernseher indoktrinieren, ihr domestizierten Primaten! — kreischte Wanja, als er den schweigsamen Beobachter auf dem Balkon sitzen sah. Dieser hatte die Miniatur, die ihm unter die Augen gekommen war, längst durchs Netz wandern lassen und lauschte nun friedlich der Musik des iranischen Komponisten Fariborz Lachini, dessen Klaviervariationen entfernt an Chopin erinnerten — allerdings stets mit einem unvermeidlichen orientalischen Akzent.

— Hockt in seiner Beleidigten-Ecke ... hockt in seiner Beleidigten-Ecke und fühlt sich wie auf einem weißen Ross ..., — knirschte Wanja vor Wut.

Dabei erinnerte er sich sehnsüchtig an den Lagerjargon vergangener Zeiten, der ihm im von bösartigen Mankurten und Konformisten besetzten Deutschland schmerzlich fehlte.Unter lautem Gerassel seiner Ritterrüstung stürmte Wanja zur Kreuzung, wo ihm Feldwebel Enpedokles begegnete — in der Klon-Gestalt des Katzenbeißers Zeus.

Ein einziger missbilligender Blick genügte, um den tobenden Wanja augenblicklich zum Stehen zu bringen.

— Ich bin doch kein Konformist! Saaaag doch! Ich bin doch ein Passionär, oder etwa nicht?! — flehte Wanja und blickte ergeben zu Zeus auf.

— Du bist ein ... (zensiert) ... DU.... bist kein Passionär! Und warum zum Teufel brauchst du diesen ‚Freund‘ überhaupt?!“

— Aber warum verfolgt er mich denn ständig? — begann Wanja sich zu rechtfertigen.

Der Katzenbeißer seufzte tief.

— Ach ... das waren noch Menschen damals ... Die waren ... die waren ...

Die Stimme des Enpedokles-Klons begann gleichzeitig zu zittern und fester zu werden.

— Oder hast du etwa vergessen, wer von Arthur Olmend war?! Antwort nach Vorschrift!

— Ein bedeutender Unterkarlsruher! Mentor, Freund und ideologischer Inspirator sowie Beschläger der Nibelungen-Sturmtruppen aus dem Geschlecht der Heussers. Intellektueller, Publizist und Elektro- ...

— Ruhe! — unterbrach ihn Zeus. — Alle seine Schüler stürzen sich auf seinen bloßen Mausklick hin mit Heugabeln, Streitkolben und Rechen auf den Feind. Und du, du... Jammergestalt ... Dönnerwetter noch mal! Du kannst nur aus seinem Windschatten heraus kläffen!


Da ertönte in der Nähe die Stimme des Herrn Knoppel.

Und Zeus verschwand.

Wanja blieb wieder allein zurück.

— Üüüüü ... — schluchzte er bitterlich und wischte sich mit dem gepanzerten Handschuh die Tränen von der Stahlmaske und dem eisernen Bäuchlein.

— Kann denn nicht irgendwer ... irgenjenand? ... Ich bin doch ein Passionär und kein Konformist ... oder? ... Oder? ..."

In solchen Augenblicken halfen ihm stets seine Mantras. Früher hatten sie augenblicklich Gleichgesinnte herbeigerufen oder ihn mit seinem Erzfeind zusammenstoßen lassen.

— Germannnistaaaaaaan ... — begann er wieder zu heulen.

Doch diesmal antwortete niemand.


3.


Mit seinem in zahllosen Schlachten ramponierten Entmankurtisator herumfuchtelnd und weiterhin lautstark in seiner Ritterrüstung scheppernd, raste Wanja durch die virtuelle Stadt.

Wie eine Gewehrkugel schoss er in das Forengebäude der "germany.ru" hinein und hätte es beinahe zum Einsturz gebracht, als er seinen eigenen Thread mit der Botschaf "aaaa“ nach oben katapultierte – einen Thread übrigens, den sonst niemand freiwillig betreten wollte.

Den Beitrag löschte er sofort wieder.

Doch damit war der Thread vorerst vor dem schnellen Verschwinden im Archiv gerettet.

— Alle hören mir jetzt zu! Mir zuhören, hab ich gesagt!! Sonst setze ich den Demon... den Entman... den Mankurti... den Hühner... äh ... sator ein!

Mankurten und Mankurtisaninnen! Herhören! Von nun an rate ich dringend davon ab, auf Wi.. Wiiiiii...“

Wanja bekam einen Hustenanfall.

— Ich gehe da selber nicht hin! Hab ich denn nichts Besseres zu tun? Der schreibt FURCHTBAR schlecht!

Unterdessen ging das Leben der virtuellen Stadt seinen gewohnten Gang:

Onkel Kartus durchsuchte mit wissenschaftlicher Gründlichkeit die Räume unter seinem Bett nach Angehörigen einer Weltverschwörung.

Enpedokl saß in seiner Badewanne, aß Wurst und summte leise einen Marsch aus längst vergangenen Zeiten vor sich hin.

Der Stubenadler Himmelök kämpfte um seine Freiheit und bedeckte sämtliche erreichbaren Flächen mit majestätischem Adlerkot.

— Geh doch, mein Herr, einfach in die Annalen! — meldete sich schließlich der Schweigsame Beobachter der germany.ru zu Wort.

Wanja streckte pflichtschuldig die Zunge heraus, stampfte einmal mit dem linken Füßchen auf den Boden und verschwand in den Annalen.


2010



Die Rückkehr des verlorenen Wanjatka

Mit stürmischem, nicht enden wollendem Beifall, der schließlich in stehende Ovationen überging, empfing die Herberge der Beleidigten Passionarier gestern den aus dem Exil heimgekehrten Wanja.

Vor den zum Festappell versammelten Anwesenden sprach zunächst der Hohepriester und Hüter der Herberge der Beleidigten Passionarier – Waldemar, der Bayerische Kulinarier.


— Das Raubschaf, — erklärte er feierlich, hat zwar die breite Brust unseres Pflanzenfresser-Wolfs schwer zertreten. Doch indem wir ihn wieder in unsere Reihen aufnehmen und ihm seine Niederlage ein letztes Mal verzeihen, entsenden wir ihn erneut voller Hoffnung und ehrfürchtigem Zittern in den heiligen Kampf!

Anschließend hielt der Hohepriester eine zornige Rede gegen das Raubschaf.




Danach erhielt der Held des Tages das Wort:

— Uns allen ist bekannt, wie hinterlistig und unberechenbar das Raubschaf ist. Das Allerwichtigste ist die Informationsbeschaffung! Wir müssen wissen, was das Raubschaf isst, was es trinkt, mit wem es schläft, mit wem es wacht und welche Kameraeinstellungen es benutzt, wenn es indianisch-zuluische Hochzeiten fotografiert!

Ohne jeden Zweifel können diese Daten als Waffe für unser heiliges Ziel genutzt werden — die Rettung von Deutscheheimat! Ich werde nun das Röckchen anziehen, das mir meine kampferprobte Fliegenfreundin, Frau Zwergwiesel, ausleihen wird, und dann wird sich das Raubschaf mit mir in einem dunklen Zimmer kämpfen müssen!“

Erregtes Gemurmel ging durch die Menge.

— Der Vorbotin des Ragnarök, Frau Teufelweich von Gadov, und ihrem Alois Gadowjak aus Böblingen bei Stuttgart ist es leider bislang nicht gelungen, den Account meines Erzfeindes zu knacken.

Ich schlage deshalb vor, diese ehrenvolle Aufgabe dem Sturmhacker Heusser zu übertragen!

— Heusser? — raunte es aus der Menge.

— Hat der nicht den Account unseres Chefkonstrukteurs Schloss-Lahrz bis auf die Grundmauern zerlegt?

— Um das Raubschaf zu vernichten, sind alle Mittel recht!, — ertönte die Stimme eines der ehrwürdigen Unterkarlsruher Onkel.

— Dafür würde ich notfalls sogar einen Vertrag mit dem Teufel persönlich schließen!

Zunächst waren nur vereinzelte, unsichere Klatscher zu hören.

Doch langsam gewannen sie an Zuversicht. Und bald klatschte die gesamte Versammlung.

Damit war der feierliche Festappell beendet.


2012

#1